In vielen Presseartikeln und auf Konferenzen hört man häufig das Wort Legacy IT. Der Begriff wird entweder aus der Anwendungs- oder der Infrastruktursicht betrachtet und hinterlässt oft einen schlechten Nachgeschmack. Ich möchte das Thema „Legacy IT“ aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten – aus der Sicht der IT-Prozesse.

Veraltete Prozesse bremsen IT-Abläufe aus

Wir kennen alle die Empfehlungen und Erfahrungswerte, die aus dem ITIL Modell erwachsen sind. Prozesse wie, Incident, Problem, Change, Capacity, Availability haben eine deutliche Qualitätssteigerung in den letzten 10-20 Jahren erbracht. Das Hey-Joe-Prinzip ist, zumindest bei mittelständischen und großen Unternehmen, weitestgehend verschwunden und wurde durch Helpdesks und Remote-Support ersetzt. Dadurch stehen jedoch nicht mehr die Businessanforderung oder dessen Ziel im Mittelpunkt, sondern die KPIs, die dem IT-Prozess unterliegen. Ein Beispiel dafür ist die Einführung eines Change Advisory Board (CAB), das potentielle Änderungen bewertet, Auswirkungen und Risiken analysiert und eine Freigabe oder Ablehnung erteilt. Ein zwanzigköpfiges CAB benötigt auf diese Weise zwei Wochen für die Bearbeitung eines Changes, selbst wenn der Prozess an sich lediglich einen Aufwand von 15 Minuten hat. Führt der Change-Prozess an sich zu derartigen Verzögerungen, so haben auch hoch moderne Infrastrukturen und Anwendungen darauf keinen Einfluss. Auch ein Notfall-Change-Prozess kann die Dauer maximal auf 1-2 Tage verkürzen. Da der Vorgang auf manuellen Prozessen beruht und nicht automatisiert ist, ist eine weitere Beschleunigung kaum noch möglich.

Modernisierung lohnt sich

Spricht man von „Legacy IT“, muss man auch von der nächsten Entwicklungsstufe sprechen, der „modernen IT“. Auch diese besteht aus Anwendungen, Infrastruktur, Daten und Prozessen. Die moderne Softwarearchitektur verschiebt sich immer mehr von Monolithen zu einer aus einzelnen skalierbaren Komponenten bestehenden Architektur. Ob diese schon den Microservice-Ansatz verfolgt, und/oder mit Containern arbeitet, ist nicht der Kernpunkt. Wichtig ist, dass die einzelnen Anwendungskomponenten schnell angepasst und stabil miteinander arbeiten können. Kann der Softwareentwicklungs- und Deploymentprozess darüber hinaus automatisiert werden, dauern Änderungen nicht mehr Tage oder Wochen, sondern Minuten oder Sekunden.

Auch die Infrastrukturwelt verändert sich deutlich. Es wird nicht mehr vorrangig über die Lebenserwartung oder das RAID-Level von Hardwarekomponenten gesprochen. Entscheidend ist heute die schnelle Verfügbarkeit von neuen Ressourcen (virtuelle Maschinen, Massenspeicher, …) und das As-a-Service Konsumentenmodell, denn diese treiben Veränderungen in der IT-Prozesslandschaft voran. Früher reichten eine jährliche Budgetierung sowie monatliches Controlling der Ausgaben aus. Im modernen IT Umfeld, kann das zu Problemen führen. Wird in der Public Cloud mehr Leistung benötigt, dann wird entweder eine vorhandene Ressource vergrößert (vertikale Skalierung) oder weitere der gleichen Art hinzugefügt (horizontale Skalierung). Beides verursacht eine sofortige Kostenerhöhung und die Rechnung sowie das Zahlungsziel sind nachträglich nicht mehr steuerbar. Behält man dieses Risiko nicht aktiv im Auge, kann dies zu bösen Überraschungen führen. Das ist nur ein Beispiel, wie das jeweilige IT-Modell die Prozesse beeinflussen, verändern oder gänzlich negieren kann.

Deutlichen Mehrwert schaffen

Alles in Allem ist „Legacy IT“ nicht per se schlecht. Sie hat durchaus ihren Wert und kann durch ihre Stabilität punkten. Die Betrachtung muss aber aus drei oder sogar mehr Dimensionen erfolgen. Einmal aus Sicht der Infrastruktur, was hinlänglich diskutiert wird. Eine andere Seite ist die der Softwareentwicklungsmethoden und Softwarearchitekturen. Auch hier gibt es diverse Hinweise und Hilfen. Die dritte Dimension, die Modernisierung der IT-Prozesse wird dagegen oft vernachlässigt. Werden die Prozesse nicht an die moderne Infrastruktur und Anwendungen angepasst, so können die Vorteile der Modernisierung nicht vollständig genutzt werden. Dabei kann die Modernisierung der IT-Prozesse deutliche Mehrwerte erreichen, wenn der Business-Mehrwert im Mittelpunkt steht und nicht die Erfüllung von IT-Prozess-KPIs.

IT-Modernisierung ganzheitlich denken

Fest steht, die Modernisierung der IT-Landschaft muss angegangen werden, jedoch ist dabei auf die individuelle Ausprägung zu achten. Laut der Studie „Legacy Modernisierung 2018“ sind die Fachabteilungen mit ihrer IT-Infrastruktur weitgehend zufrieden. Das sagt jedoch nur wenig über das einzelne Unternehmen oder die individuelle Situation aus. Ein Modernisierungsprojekt ist immer eine Aufgabe für das gesamte Unternehmen, nicht nur der IT-Abteilung. Dementsprechend muss vorher ein gemeinsames Verständnis des Projekts geschaffen werden. Auch die Einführung „moderner IT“ ist kein einmaliges Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess, der in den zuvor angeführten Dimensionen ständig in Kooperation zwischen der IT und den Fachbereichen optimiert werden muss. Dabei ist eine Philosophie der ständigen Verbesserung und der Fehlertoleranz essentiell, um IT-Lösungen wettbewerbsfähig zu machen.

Legacy ITWie es um die Modernisierung der Bestandsysteme in deutschen Unternehmen steht, welche Hürden es zu bewältigen gibt und wie wichtig die Modernisierung für eine erfolgreiche IT-Transformation ist, erfahren Sie in der Studie „Legacy Modernisierung 2018“.

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